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Berlin 12:12 - Tehran 13:42 - Los Angeles 03:12 Dienstag, 07.02.2012
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FEUILLETON
"Wir sind (in) Deutschland."
Es ist der Mittwoch irgendeines Monats, irgendeines Jahres. Ich habe Semesterferien und erinnere mich daran, einer ehemaligen Lehrerin von mir versprochen zu haben, das nächste Mal keine acht Jahre verstreichen zu lassen, bevor ich sie besuche. Die Luft ist kalt, die Sonne scheint. Tautropfen sind während der Nacht zu gemeißelten Kristallen verwandelt worden. Der Weg zur alten Schule führt durch einen großen Park, über den viele Stadtmenschen, die nach Ruhe suchen, spazieren und in einem Dialog mit ihrer inneren Stimme oder ihren Hunden einige philosophische Fragestellungen erörtern. Auch ich verspüre diese Lust und entschließe mich, das Zugeständnis an meine alte Lehrerin heute einzulösen. Die Aufregung darüber, sie wieder zu sehen, lässt mich den Weg durch den Park unwahrgenommen passieren. Ich marschiere, anstatt zu spazieren.

Ich betrete das Schulgebäude, das ich in meiner Kindheit bis zum Jugendalter fast täglich besuchte. Wunderbare Erinnerungen überfluten mich. Irre Aktionen von uns bringen mich zum schmunzeln. Ich hatte gute Lehrer. Eigenartige Lehrer, aber welche, die uns zugewandt waren und uns nicht nur mit ihrem neurotischen Korrekturstift belästigten, sondern mehr in uns sahen.

Die Wände der Schule sind bunt. Bunter als einst. Überall wird hervorgehoben, dass die Schule multikulturell ausgerichtet ist und ein Zuhause für jeden sei. Dass Migranten und Deutsche Hand in Hand gehen und gemeinschaftlich ihren Alltag bewältigen. Schwarzhaarige, blonde, dunkelhäutige, asiatische Kinder, die vorher mit großen Pinseln und großzügiger Farbsättigung an die Wände gemalt worden sind, halten sich lachend die Hände. „Bestimmt ist die Wand in einer lustigen Projektwoche unter Anleitung einer freundlichen Lehrerin entstanden“, denke ich fröhlich. Die obligatorische Fatma trägt ihr Kopftuch und hält in einem Spielkreis Michaels Hand und lacht über ihre eigene Freude. „Hier hat sich viel getan“, freue ich mich. Ich habe den Eindruck, unsere damals schon außergewöhnlich freundschaftliche Schule sei noch toleranter geworden. Die Lehrer hier müssen besonders sensibilisiert worden sein für ihre Schüler, vor allem für jene mit Migrationshintergrund. Ich spüre, wie die Vorfreude, meine alte Lehrerin zu sehen, immer mehr in mir aufsteigt. Trotz, dass es so viel neues hier zu sehen gibt, werden meine Schritte Richtung Schulsekretariat immer schneller. Ich möchte herausfinden, wo sie gerade Unterricht hat und sie überraschen.

Der Gang, in dem das Sekretariat und sämtliche Lehrerzimmer liegt, sieht noch genauso aus wie damals. Ich entdecke sogar eine Bilderwand, in der Schüler meines damaligen Jahrgangs zu sehen sind. „Yeah, die haben uns ja immer noch nicht vergessen.“ Ich betrachte die Fotokollagenwand kurz und gehe weiter.

An der Wand gelehnt steht ein Junge. Vielleicht ist er sechszehn oder siebzehn Jahre alt. Er ist groß, hat dunkle Augen und Haare. Er ist das, was man als „Orientale“ oder „Südländer“ bezeichnen würde. Gedankenverloren schaut er durch die Gegend und bemerkt mich erst spät. Doch dann nickt er mir zu, ich antworte mit einem „Hallo“ und warte ein paar Schritte weiter von ihm weg vor dem Sekretariat.

„Wie lange wartest Du hier schon?“, will ich wissen, um meine eigene Wartezeit einzuschätzen.
„Nicht lange. Vielleicht zehn Minuten.“, antwortet er und sieht dabei unruhig aus.
„Hoffentlich müssen wir nicht lange warten.“, sage ich.
„Wen haste denn danach? Wenn Du die Frau S. hast, lasse ich Dich vor. Die Hexe macht Dich sonst fertig.“
„Ich? Ich bin keine Schülerin mehr.“, sage ich etwas empört.
„Sorry, wusst‘ ich nicht.“ Er wirkt noch unruhiger als vorher.
„Warum bist Du so nervös?“, frage ich unverblümt.

Er antwortet nicht direkt, überlegt kurz und sagt dann:

„Ich weiß nicht, ob die mir helfen werden. Ich habe mein Abgangszeugnis verloren und will mich aber auf einer neuen Schule bewerben. Ich brauche das Zeugnis.“
„Abgangszeugnis? Nennt man Abschlusszeugnisse heute so?“, hake ich nach.
„Nein.“ Seine Stimme wird leiser. „Aber ich habe die Schule nicht abgeschlossen, sie haben mich rausgeworfen.“, antwortet er ernst.
„Rausgeworfen? Was bitte hast Du denn angestellt? Du wirkst gar nicht so. So. Na so halt.“ Er grinst, weil ihm klar ist, dass ich eigentlich „asi“ sagen wollte. Hätte ich einfach einmal meine Klappe gehalten, aber es war zu spät.

Wieder antwortet er nicht direkt und überlegt kurz.

„Ich habe die Schule viel geschwänzt, weißt Du? Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren, hatte keine Motivation zur Schule zu gehen. Früher war ich ein guter Schüler, weißt Du? Aber dann ist meine Mutter krank geworden. Sie war ein ganzes Jahr krank. Mein Vater war überfordert aus Angst, meine Mutter zu verlieren. Meine kleine Schwester wurde vernachlässigt in dem ganzen Hin und Her zum Krankenhaus und zurück. Chemotherapie, weißt Du? Meine Mutter hatte keine Kraft mehr. Ich musste mich um sie, meinen Vater und meine Schwester kümmern. Meine Mutter… Sie wurde immer… Kleiner. Kleiner, anders kann ich das nicht beschreiben.“ Seine Stimme bricht, er atmet noch einmal ein und erzählt weiter, so als müsse er das Reden durchhalten. Dabei die Luft anhalten, um nicht auszubrechen. „Ich konnte nicht mehr lernen. Es ging nicht. Verstehst Du? Ich habe meiner Mutter Sorgen bereitet. Und dann ist sie gestorben.“

Er schaut durch die Gegend, nur um mich nicht direkt ansehen zu müssen. Ich schlucke diesen Kloß runter und merke beim Versuch, einzuatmen, dass meine ganze Brust zittert.

„Es tut mir so Leid, ich kann Dir gar nicht sagen wie Leid…“, sage ich leise. Dann schweige ich.
„Aber…“, fällt mir ein. „Aber warum hast Du Deinen Lehrern denn nichts gesagt? Wenn sie Deine Situation gekannt hätten, dann hätten sie Dich doch wegen Deiner Fehlzeiten niemals aus der Schule geworfen!“

„Sie wussten Bescheid, Mann!“, er wird etwas lauter. „Sie wussten genau Bescheid. Als ob das nicht schon schwer genug war so als Junge mit denen zu reden über zu Hause. Die wussten Bescheid und haben mich aus der Schule geworfen. Erst Klassenkonferenz. Ich sage denen ‚Bitte keine Klassenkonferenz. Meine Eltern sind krank, die kriegen doch einen Herzinfarkt, wenn ich denen mit Klassenkonferenz komme. Kann ich nicht alleine kommen? Mein Vater kann nicht, er muss sich den ganzen Tag um meine Mutter kümmern, meine Mutter…‘ – Aber diese gefühllosen Schweine hatten immer ihre ‚Prinzipien‘. Ihre Prinzipien, ne? Ihre Prinzipien waren wichtiger als ich. Als das, was ich da durchmachte und heute noch durchmache. Ihre Regeln und Prinzipien sagen, dass wenn ein Schüler schwänzt - egal warum er schwänzt - der kriegt eine Konferenz. Fertig. Und wenn er sich nicht bessert, dann fliegt er eben! Fertig.“

Er ist so wütend und hilflos, dass mir das Herz bricht. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Also gehe ich nervös hin und her und schüttele den Kopf.

„Du kriegst Dein Zeugnis natürlich.“, sage ich, als sei das irgendwie ein Rettungsanker für ihn. „Was für eine dämliche Aussage, von Dir.“, denke ich noch.
„Meinst Du?, fragt er? „Ich bin schon zum dritten Mal hier, musst Du wissen. Jedesmal gab es Gründe, warum das mit dem Zeugnis nicht klappt.“
„Bitte?“
„Jo.“

Die Sekretärin macht die Tür auf und schaut den jungen Mann schon genervt an. „Junge, isch hab‘ Dein Zeuchnis nit. Da musste zu der stellvertretenden Direktorin gehen, die muss dat noch absegnen.“

Ich vergesse mein Anliegen und gehe mit dem Jungen zur stellvertretenden Direktorin. Wir klopfen an. Sie kennt ihn bereits aus der Klassenkonferenz und schaut, nachdem sie kurz aufblickt, direkt wieder auf ihren Aktenhaufen auf dem Schreibtisch und lässt sich bei ihrer Arbeit nicht stören.

„Frau A., die Sekretärin sagt, Sie haben mein Zeugnis. Kann ich das jetzt abholen?“, fragt er höflich. Die Direktorin würdigt ihn nicht eines zweiten Blickes, als sie mit einem harten Unterton antwortet: „Warte draußen, ich muss gleich eh raus, ich bring‘ Dir das mit.“ Ihre barsche Stimme widert mich an. Am liebsten hätte ich ihr ihre ganzen Aktenordner auf den Kopf geknallt, damit irgendwo ihr defektes Herz wieder schlägt.

Ich bin schockiert. Schockiert über diese Geschichte. Schockiert über diese Schule. Ist das noch die Schule, von der wir alten Klassenkameraden heute noch schwärmen, wenn wir einander irgendwo zufällig in der Stadt treffen? Sind das die Menschen und die Räume meiner Jugend, über die ich stets schützend meine Hand lege, damit die Erinnerungen lebendig bleiben? Meine Gedanken und Gefühle halten sich plötzlich still, als mir einfällt, wie es meinem neuen jungen Freund gehen muss. Ich warte mit ihm draußen. Er fragt auch nicht, warum ich noch bei ihm bleibe. Es scheint ganz natürlich zu sein, dass ich bleibe.

Frau A. kommt raus und übergibt ihm kühl das Zeugnis.

„Danke, Frau A.“, sagt er. Ich will ihn schütteln und ihm sagen, er soll sich nicht bedanken, aber dann macht dieses versteinerte, hässliche Etwas den Mund auf.

„Bitte.“, antwortet sie trocken.
„Eine Frage noch. Kann ich das bei Ihnen eben kopieren? Ich muss von hier aus direkt zu einem Bewerbungsgespräch in eine andere Schule, dafür brauche ich eine Kopie.“

Als ich denke, schlimmer kann diese kalte Frau nicht mehr reagieren, überbietet sie meine Erwartungen, schaut ihn direkt an und sagt in einem herrischen, sehr lauten Tonfall:

„Bin ich hier das Sozialamt? Geh‘ das wie jeder andere im Copyshop kopieren oder versuch‘ Dein Glück bei der Sekretärin!“

Mein junger Freund ist wie versteinert. Später erfahre ich nämlich, dass sein Vater tatsächlich arbeitslos geworden ist, weil seine Arbeitsstelle kein Verständnis hatte für die Krankheit seiner Frau und die Notwendigkeit, dass er sie pflegen musste. Sie leben also vorübergehend wirklich von Arbeitslosengeld. Ich sehe seine Gesichtsmuskeln zucken. Er macht eine Faust in seiner Hosentasche, die so heftig pulsiert, dass ich Angst habe, er wird die Frau in einem von Affekten dominierenden Moment zuschlagen. Also speie ich seine Wut heraus und kreische fast:

„Sie sind so widerlich. Sie wollen sich Pädagogin nennen? Sie sind nichts weiter als eine Versagerin. Was Sie später dieser Schule an Erinnerungen hinterlassen, ist ein Dreck wert. Redet man so mit einem jungen Mann, der gerade die schwerste Zeit seines Lebens durchmacht? Sie widern mich an. Und wenn es auch nur zwei bis drei andere Lehrer Ihrer Sorte hier gibt, dann gehört diese widerliche Komplex-Anstalt von paar verbitterten, alten Pflaumen geschlossen. Wir sind doch hier in Deutschland! In einem humanen Staat!“, brülle ich.

Das Monster schaut mich mit Entsetzen durch ihre kleinen, harten Augen an und ringt um irgendein Konter, das sie mir geben kann. Doch sie schweigt noch.

„Wir sind doch hier in Deutschland….“, wiederhole ich leiser Stimme und schaue dabei so elend aus wie jemand, dem man gerade eine Illusion zerstört hat. Mein junger Freund lacht kurz und bitter auf, während Frau A. mich noch entsetzt anschaut und sagt.

„Ja, Schwester. Das ist es ja eben. Wir sind in Deutschland.“

Wir drehen uns um, lassen Frau A. wortlos stehen und gehen aus dem Gang raus. Ich vergesse, warum ich noch einmal hierhin gekommen war, aber das ist mir egal. Die Vertrautheit seiner Geste, die Art, wie er redet und wie er um sich schaut, gibt mir das Gefühl, ihn schon lange zu kennen. „Dieser junge Mann hat mehr Anstand als die ganze Belegschaft dieser Schule“, denke ich und frage ihn in einer Vorahnung: „Woher kommst Du?“

Wieder antwortet er nicht direkt. Er lächelt einen Hauch schmerzerfüllt und freut sich, dass er mir das endlich sagen kann, legt instinktiv seine Hand auf seine Brust und sagt: „Ich bin Iraner.“

Mein Herz bricht erneut. Ich atme noch einmal ein und aus, ehe ich auf Persisch sage: „Ich weiß, dass Dein Bewerbungsgespräch heute ein Erfolg sein wird. Das verspreche ich Dir. Und ich verspreche nicht oft etwas.“ Er dankt mir lächelnd in unserer Muttersprache.

Ich lüge, ich müsse hier noch auf jemanden warten, damit er voraus geht. Ich kann nicht länger mit jemandem reden, schon gar nicht mit diesem jungen Mann, der hätte mein Bruder sein können und dessen Geschichte mich so mitnimmt. In der Dringlichkeit, allein sein zu müssen, suche ich meine damalige Lieblingsecke auf und setze mich in die stille Ecke von damals, die ich immer aufsuchte, wenn ich Notizen in mein Tagebuch machen wollte. Sie ist noch immer wie damals. Ruhig und abgeschottet zwischen den ganzen Schließfächern. „Wenigstens dieser Ort hat sich nicht verändert.“, denke ich und lasse den zurück gehaltenen Tränen meiner Wut freien Laufen.


© INN Redaktion
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Veröffentlicht:
Samstag, 13.03.2010 , 15:32 Uhr
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